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Issai Spitzer Poesie

Issai Spizer ist Autor von drei Gedichtbänden, Mitglied des Verbandes der Schriftsteller in Russland und der Vereinigung russischsprachiger Autoren Deutschlands, kommt nach Deutschland aus Sankt Petersburg, hat zahlreiche Veröffentlichungen in  verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen wie Moskauer „Literaturzeitung“,  „Russisches Deutschland“,  „Jüdische Zeitung“ und in vielen anderen. Lebt in München. Einer der Autoren des Bandes „Russisches München“.Die Gedichte von Issai Spitzer überzeugen durch ihre philosophische Gedankentiefe, durchdringende Gefühlsbetonteste und raffinierte Ironie.

 

Aus dem Sammelband der lyrischen und ironischen Gedichte und Aphorismen „Auf Walfischen“

Meinem Sohn

Verzeih mir lieber Sohn,
dass diese Welt so müffelt.
Spitz besser deine Ohren,
Doch überhöre Rüffel.
Dass du ein Jude bist –
Dein Glück. Nimm‘s ohne Pose.
So löst du schnell das Quiz –
Was gut ist, was ist böse.

Pferde

Schneeweiße Pferde, pechschwarze Pferde,
Wo rennst du hin, prangende Herde?
Schneeweiße Beine, pechschwarze Beine
Flimmern geschwind auf staubigem Steine.
Schneeweiße Hälse, pechschwarze Hälse –
Schweifen wie Schlangen durch Raum und Felsen.
Schneeweiße Mähnen, pechschwarze Mähnen –
Säuseln im Winde zerrissene Strähnen.
Schneeweiße Sterne, pechschwarze Sterne
Schlagen aus drohenden Augen wie Kerne.
Schneeweiße Pferde, pechschwarze Pferde,
Wer überholt auf der ewigen Erde?

***
Der heilende Glockenruf sagt mir von nichts,
Das Himmelsreich ist mir verschlossen.
Vergib mir, oh Herr, wenn‘s Dich irgendwo gibt,
Dass ich ohne Glauben erboste.
Kein Segen in leidender Seele gepflanzt -
Wen soll ich anklagen, ich Ketzer?
Ich stehe am Kreuzweg und ziehe Bilanz,
Des Glaubens beraubt, des letzten.

***
Es kommt die Zeit – wir nicht, ein Jemand
Entschied für uns: „Es kommt die Zeit“.
Die Kreuzung ist nicht weit entfernt,
Wo winterliche Zugluft weint.
Was auf uns wartet, wissen alle.
Doch trotz Prognosen ist es warm.
Als die Arznei gegen Krawalle
Beginnt der Tag und macht uns stramm.
Anscheinend viel zu früh ein Jemand
Entschied für uns – „Es kommt die Zeit“,
Die Kreuzung ist noch weit entfernt,
Wo winterliche Zugluft weint.

***
Wie schade – alles endet,
es endet, es endet…
Ich werde abgehärtet,
gehärtet, erhärtet.
Aber ich bin gelassen,
gelassen, gelassen,
Als ob mir alle passen…
Anpassen... Anpassen...


Der alte Garten

In der Früh auf dem Steine im Garten
Sonnte ich mich am Sommeranfang,
Mit der prickelnden Seelenklarheit,
Mit Gefühl und Geist im Einklang.
Alter Garten im noblen Anwesen
Lag im schneeweißen Blütendunst.
Er schien jünger als je gewesen,
Er stand wieder in Gottesgunst.
Wie die Geister erloschenen Lebens
Seine Bauten vermorschten schon längst.
Doch die Lebenskraft ihres Wesens
Alte Bäume bewunderten selbst.
Im Vertrauen auf Bienengewimmel
Wusste Garten, dass nichts ist zu spät,
Zog die rauen Zweige zum Himmel
Im dankbaren stimmlosen Gebet.


Was ist das Leben?

Beim Blättern meiner kümmerlichen Tage
Vergesse ich, was gestern las ich drin.
Nur eine Weisheit blieb mir vage:
„Was ist das Leben? Nur ein Spiel!“
Wer das versteht, beginnt sich zu versöhnen,
Den Rosenkranz der Tage nimmt als Scherz.
Die Nachtigall im Hain ertönte wohlig,
Und wärmer wurde mir ums Herz.
Das Zimmer füllt sich mit dem Licht
allmählich, –
Dem Lebenszeichen – ich bin noch dabei.
Man kann nie wissen, was unmerklich
Bringt kleine Freude im Dasein.
Dass ich mit dir bin diese Tage,
Ist auch ein Teil vom Wechselspiel,
Auf Zeit vorausbestimmte Plage, 
Die uns geradeso anfiel.


***
Bei einer alten Weide hier am Fluss,
Wo spült sie ruhig ihre langen Zweige,
Die Winde in den trockenen Beifuß
Die wilden Köpfe stecken schweigend.
Das dunkle Wasser steht bewegungslos,
Am Ufer ist verstummt der Vögel Trubel.
Und nur für mich gibt’s keinen Trost,
Nur meine Seele peinigt sich im Grübeln.


Für L. Rubinstein

Gebrandmarktem von Windeln an,
Was bringen mir die Trostgebete?
Durch meine Seele fließt Newa
Im steinernen Prokrustesbette.
Wie meine Jugend, ist lebhaft
Die Strömung meiner Waisenseele,
Gewickelt in die weiße Nacht,
Mit bloßem Auge nicht zu sehen.
Ich laufe diesen Strom entlang
Und schluck herunter baltische Winde.
Mein Traum verbleibt auf ewig Traum,
Mein Gotteshaus und mein Schinder.


Ironie im Schicksal
Mann und Frau…

***
Der Mann und die Frau sind zwei Gegensätze –
Das Thema wird immer und ewig durchkaut.
Die Frau ist das Kind der Natur,
was wir schätzen.
Doch wessen Kind ist unser Mann?
Kind der Frau.

***
Wir streben nach Vergnügen lebenslang,
Doch daran denken manche nicht,
Dass diese Sucht ist nur ein Wahn,
Denn die Vorfreude das Vergnügen übertrifft.

***
Die Tagesordnung hat bestimmte Gründe –
Um Sturz der Menschenseele zu vermeiden,
Bekamen wir die dunkle Nacht für Sünden,
Zur Reue wir am hellen Morgen neigen.

                              (Freie Nachdichtung Maria Schefner)

DER KOMPONIST SERGEJ KOLMANOVSKIJ

    STELLT SEIN DEM GEDENKEN AN REICHSKRISTALLNACHT GEWIDMETES ORATORIUM „TRAUERGESÄNGE“ VOR. DIE TEXTE SIND VOM ÖSTERREICHISCHEN DICHTER PETER PAUL WIPLINGER.

    www.besucherzaehler-homepage.de