Inessa Rozenfeld Poesie

 

Inessa Rozenfeld wurde in Odessa geboren. Künstlerin und Dichterin. Seit 2003 lebt und arbeitet in Potsdam. Malerin, Architektin und Kunstlehrerin von Beruf. Lieblingsgenre - Porträts. Mitglied von Odessauer Literaturstudio „Vereinigung der Jugendclubs“, seit 2003 - Mitglied der "Literarisch-künstlerischen Werkstatt „Potsdam ". Lyrikveröffentlichungen und Nachdichtungen in zahlreichen russischen und russisch-deutschen Anthologien. Seit 2006 – Mitglied von "Kunstgenossen e.V." Persönliche Kunstausstellungen in Potsdam und Berlin. Teilnehmerin der internationalen Festivals «Kunstallee-2009" und «Kunstallee-2011" und Vernissage „Art Brandenburg“.

 

Mein Fenster

Mein Fenster saugt voller Begehren 
und unermüdlich täglich Licht   
als wolle es die Neige leeren   
und findet doch das Ende nicht.  
 
Beim Wolkenspiel an Zimmerdecken 
erscheinen Wände neblig ungenau. 
Das Licht will alles neu entdecken. 
Der Raum wird Bühne wandelbarer Schau.
 
Mit Eifer schluckt es Schnee und Eis. 
Das Glas ist dünn wie Regenschleier. 
Sind auch die Augen manchmal  blind, 
wächst seine Neugier ungeheuer.  
 
Es fängt der Sonne letzte Strahlen, 
ergreift des flücht´gen Windes Böen, 
will sie bezähmen und bewahren  
bis Tage in der Nacht vergeh´n. 
 
Erlischt der Tag, brennt immer noch die Glut
vor Fenstern, welche offen sind, und weit
biegen sich Zweige voller Wagemut  
- bizarre Schatten in der Dunkelheit. 
 
Mein Fenster sammelte so eilig Tageslichte ein.
Jetzt scheint das Leuchten hinterm Glas zu sein.

(Nachdichtung Elke Hübener-Lipkau) 

Sieben Spiegel

In meinem Hause gibt es sieben Spiegel, 
die haben miteinander nichts zu tun.  
Ein Spiegelglas ist zum Oval gebogen,  
ein anderes reicht ganz nach oben.  
 
Die Dame, die sich melancholisch   
die Wangen pudert in dem Spiegelchen, 
kennt die nicht, die noch kaum am Leben 
sich scheinbar auflöst in des Spiegels Licht. 
 
Die Diva spiegelt sich von Kopf bis Fuß.  
Im Widerschein der Morgenröte   
hat sie dem Abbild mit den roten Lippen  
im runden Rahmen nichts zu sagen.  
 
Im trüben Glas der ew´ge Schatten  
gleicht jener, die vor langem ging.  
Verblasst das Bild verschwomm´ner Züge, 
schleppt staubig sich die Leere hin.  
 
Die Spiegel starren ins Nirgendwo  
und leiden unter Perfektion.   
Ihr Abbild wäre schief und krumm viel   
wirklicher und besser zu erkennen.  
 
Fallen Tropfen in einen Weiher   
wird er mit eilenden Kreisen gefüllt.   
Doch der starre Rahmen ist eng und  
in Glasscherben scheitert das Gegenbild. 
 
Das Genaue widert an,    
wird zu schauderhaftem Klang,   
weil man durch das Spiegelbild   
nur ins Leere starren kann.   

(Nachdichtung Elke Hübener-Lipkau)

Lebensbuch

Schau mal ins Buch des Lebens, dort steht alles:
Der Tage Schriften und der Nächte Träumereien 
sind wichtige Archive unsrer Seele
und zweifellos müssen Tagebücher sein.

Was werden soll, wird Plan und Skizze.
Die Wirklichkeit füllt all die reinen Seiten
und nur noch nicht gelebte Tage 
sind undurchdringlich, unfassbar und schweigen.

Wer weiß genau, wer kann bestimmen,
was auf das Blatt, das blütenreine, fällt?
Und wessen Handschrift wird es füllen
Und wer erinnert sich an das, was zählt?

Wenn sich die Gaben eines Kindes
und was es erbte, unklar zeigen,
wird dies für jedes Elternpaar
ein Rätsel ohne Antwort bleiben.

Warum muss es von Kinderjahren
In Dichterworten so viel Trauer geben? 
Wohnt Weitblick und Versprechen drin 
Oder die Spur der längst vergang´nen Leben?  

Bleibt menschliches Gedenken stets geprägt 
Von Trauer? Wieviel Elend wohnt in ihm? 
Infolge der Vergangenheit wird 
in der tiefen Dunkelheit ein Dämmerlicht erglüh´n.

Vielleicht trägt eins der leeren Blätter
In Heimlichkeit ein Wasserzeichen?
Es zeigt sich nur im hellen Licht
Und muss im Schattenreich verbleichen

(Nachdichtung Elke Hübener-Lipkau)            

Die Mistel

Wie himmlisches Manna ins Laub gefegt
nistet die Mistel auf Bäumen,  
wie Tropfen fallen weiße Beeren  
herab aus hohlen Nebelräumen  

Bieten sich Windwirbelnester feil? 
Hängen winzige Kronen in grellen 
Haufen oder verloren Gewitter  
den grünen Blitz aus Feuerbällen? 

 
Auf den Schultern erhabener Riesen, 
freigebiger, duldsamer Bäume,  
trinkt sie aus Schalen voller Gezwitscher 
den bitteren Saft der Erkenntnis.  

 
Sie ist weder trocken, noch kräftig 
und bleibt hoch oben doch immer grün, 
vom ruhlosen freien Wind gesät,  
nicht Sträuchern noch Gräsern Gevatterin.

 
Sie hängt zwischen Himmel und Erde, 
zwischen Sommer und Winter verstreut 
und hat so manchen Hoffenden  
bestärkt, gestützt, erfreut. 

(Nachdichtung Elke Hübener-Lipkau)

Wasser-Ode

Gebeugt über den Wasserspiegel
fragte ich: kann dieser Abend
wiederholt werden?
Wissenschaftler entdeckten doch: wahrscheinlich hat
Wasser ein Gedächtnis: und, natürlich,
löst sich in ihm die Zeit.

Vergessen, gelöst, sind 
vage Hoffnungen und Träume
und ins Wasser gezeichnete Luftschlösser,
noch ein Verlust, den die Wellen wegspülten.
Alles, was einmal verjährt,
alle Feuchtigkeit, die in die Becher tropfte,
alle Sünden, abgewaschen und vergeben,
lesen wir in den Annalen des Wassers. 

Immer sickert etwas. Doch dunkel und geheim bleibt,
wer verantwortlich ist, 
für das Zusammentreffen verschiedener Umstände
im Laufe der Jahre - vielleicht die Tiefe des Wassers?

O könnten wir den Film der Spiegelbilder
rückwärts laufen lassen!
Aber das Licht können die Flüsse nicht bannen
es fällt hinein 
und Tageslicht wie Abendrot
verschwinden mit dem Strom - für immer.

Sich etwas einzuprägen ist dem Wasser nicht gegeben
Das Wasser spannt straff die Leinwand
am Rahmen der Ufer 
das zerstreute, vergessliche Wasser.

 (Nachdichtung Carmen Winter)

 

DER KOMPONIST SERGEJ KOLMANOVSKIJ

    STELLT SEIN DEM GEDENKEN AN REICHSKRISTALLNACHT GEWIDMETES ORATORIUM „TRAUERGESÄNGE“ VOR. DIE TEXTE SIND VOM ÖSTERREICHISCHEN DICHTER PETER PAUL WIPLINGER.

    www.besucherzaehler-homepage.de